Dienstag, 19. Januar 2021

Digitalisierung in der Bergrettung

Was macht Sinn, was ist möglich?

Digitalisierung in der Bergrettung – Was macht Sinn, was ist möglich? Mit dieser Frage setzten sich Studenten der TU München im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit der Bergwacht auseinander. Thema - Erfassung von Daten im Einsatz unter den Bedingungen am Berg. Entwickelt und getestet wurde der Prototyp einer App Anwendung in der Praxis und im ZSA in Bad Tölz.
Einsatzerfassung bei der BW Bayern heute: Die Einsatzkraft erfasst die Daten vom Patienten und die Verdachtsdiagnose mit Stift und Papier im Gelände oder bei der Übergabe an den Landrettungsdienst. Nach dem Einsatz werden die Daten aus dem standardisierten Einsatzbeleg ins Datenbanksystem „BWB Office“ eingegeben. Die Eingabe wird vom Verantwortlichen der Region geprüft und der Einsatz digital zur Abrechnung weitergeleitet. Bei rund 8.900 Einsätzen pro Jahr eine lange Erfassungskette, zu aufwendig in der heutigen Zeit?

Um dieser Frage nachzugehen hat die Bergwacht Bayern an einem interdisziplinären Projekt der Technischen Universität München (TUM) teilgenommen. Ein Team von vier Masterstudenten aus den Bereichen Engineering, Psychologie und Sportwissenschaft analysierte sechs Monate lang die Einsatzerfassung. Praktiker Dörg Stephan hat die Projektgruppe von Seiten der Bergwacht begleitet und betreut, Professor Dr. Veit Senner von der TU München das Projekt ins Leben gerufen, angetrieben und begleitet. Ergonomie und Usability: Die Analyse Was ist sinnvoll und praxistauglich um die Datenerfassung von Unfällen und Patienten effizienter gestalten zu können? Dieser Frage wollte die Studiengruppe wissenschaftlich nachgehen, nicht im Hörsaal, sondern in der harten Realität auf der winterlichen Piste mit erfahrenen Bergrettern im Einsatz: kalt, Schneetreiben, naß und praxisgetriebene Skepsis.

Leider durchkreuzte Covid-19 die Pläne und die Erhebungen mußten per Telefon und Videokonferenzen stattfinden. Mehr als 20 erfahrene Bergretter aus mehreren Bergwachtregionen brachten ihre Erfahrungen und Sichtweisen ein. Die Analysen aus den Gesprächsprotokollen mündeten schlußendlich in einem App-Prototypen in Kombination mit Stift und Papier. Das schien die einzige Lösung „aus der Praxis für die Praxis“ zu sein faßt Dörg Stephan zusammen. „Die Zielsetzung war nicht eine App zu kreieren, es hätte auch was ganz anderes rauskommen können.“ Der erste App-Prototyp wurde von den Testern nach Bedienbarkeit, Ergonomie, Einfachheit, Optik und Verständlichkeit auf Herz und Nieren geprüft. Das Konzept aus App im Smartphone, off- und online nutzbar in Kombination mit Stift und Papier sowie automatischer Synchronisation mit der Bergwacht-Datenbank überzeugte auch die erfahrenen Praktiker. Visionär und bodenständig.

Kommt jetzt die App? Die Empfehlung geht in Richtung einer praxistauglichen App: auf jedem Smartphone-Typ installierbar, leichte und direkte Eingabe der wichtigsten Daten. Ein klarer Weg zu mehr Effizienz, denn Zeitersparnis durch Vermeidung von aufwendigen und unbeliebten Verwaltungsaufgaben ist für die ehrenamtlichen Bergretter ein hohes Gut. „Das erarbeitete Grundprinzip ist sehr zukunftsfähig“, resümiert Prof. Dr. Senner. „Was allerdings künftig noch verbessert werden kann, ist die Bedienbarkeit des Smartphones.“ Denn die haben einen entscheidenden Nachteil: Man braucht beide Hände zur Bedienung. „Das ist für den Einsatz bei der Bergwacht nicht optimal. Vielleicht könnte man es in Zukunft in die Dienstbekleidung integrieren“, so die Visionen von Senner.

Dörg Stephan blickt gespannt in die digitale Zukunft, denn in diese Richtung wird was kommen. Vielleicht in Kombination mit bereits bestehenden, smartphone-basierten Alarmsystemen wie Blaulicht-SMS oder Divera. Jetzt gilt es den Markt zu untersuchen und mit den Programmierern der Bergwacht-Datenbank BWB-Office zu sprechen. Weitere Ideen: das Erfassen der Daten auf den Krankenkassenkarten der Patienten per Scan oder QR-Code. Oder die Kombination mit ELA-3D, einer extrem realitätsnahen 3D-Kartendarstellung im Rechner, die die Position jedes einzelnen Bergretters im Gelände anzeigt. Ein weiteres Projekt, welches unterstützt wird von der Stiftung der Versicherungskammer Bayern.

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