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Erste Großübung der deutschen Höhlenrettungen

in der "Höhle ohne Namen" in Steinamwasser
24. bis 26.9.2004

Um etwa 6 Uhr erfolgte eine Anfrage der Polizei bei der Rettungsleitstelle, ob eine größere Familie im Rettungsdienst erfasst wurde. Sie wollten bei Auerbach eine Höhle besuchen und sind noch nicht zurück.

Um 7:55 Uhr geht ein Notruf bei der RLST ein: Absturz von 5 Leuten einer Jugendgruppe in der Höhle ohne Namen, Steinamwasser, Gemeinde Auerbach. Der Alarm wurde an die zuständige Bergwacht-Bereitschaft weitergegeben. Deren Einsatzleiter lässt die Höhlenrettung Nordbayern alarmieren. Infolge des unklaren Meldebildes in Verbindung mit dem zu erwartenden Sucheinsatz entscheidet sich der Einsatzleiter HR in Absprache mit dem Einsatzleiter Berg alle umliegenden Höhlenrettungen um Unterstützung zu bitten.

Eine Großübung des HRVD

Mit dieser Übungsannahme beginnt die erste Großrettungsübung der deutschen Höhlenrettungen. Ausgerichtet wird sie von der Bergwacht-Höhlenrettung Nordbayern. Die Initiative geht allerdings auf den Höhlenrettungsverbund Deutschland (HRVD) zurück, einem Arbeitskreis des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher (VDHK) in dem die deutschen Höhlenrettungen zusammengeschlossen sind.

Der Einsatzleiter Berg ist als erster am Gasthaus "Zur frischen Quelle", hinter dem sich der Eingang zur Höhle befindet. Auf seine Anweisung hin machen sich zwei Bergretter der Bergwacht Lauf fertig, zu den Verunfallten als Erstversorger vorzustoßen. Sie befinden sich nach Angaben des Wirts in dem Teil der Höhle, die Kreuzspalten genannt wird. Ein Höhlenplan in der Gaststube erleichtert die Orientierung. Die Rettungsassistentin des vor Ort befindlichen RTW hat bereits als Höhlengeherin Erfahrung und bietet sich an, die Bergretter zu begleiten. Schnell wird sie noch mit Lampe, Helm und Schlaz versorgt, dann fahren die drei ein. Es ist 9:41 Uhr.

Um 10:10 Uhr trifft die Höhlenrettung Nordbayern (HRN) am Einsatzort ein. In einer kurzen Besprechung wird der Einsatzleiter Höhle und die Mannschaft eingewiesen. Die Hauptaufgabe der HRN wird die Patientenversorgung und der Aufbau der Telefonverbindung sein. Da weder Funk noch Handy in einer Höhle funktionieren, muss ein Telefonkabel den Rettungsweg entlang bis zum Unfallort gelegt werden. Die Heulruftelefone sind bewährte Technik der Grubenwehren und werden als einheitliches System zum ersten Mal von allen deutschen Höhlenrettungsgruppen verwendet.

Erstversorgung

Die Gruppe um den Notarzt machen sich sofort auf den Weg zum Patienten. Zwei Mann verlegen das Telefonkabel, einer bezieht am Höhleneingang Stellung. Hier wird ein Telefonhörer installiert, dies ist zunächst die Einsatzzentrale und das Dokumentationszentrum. Hier laufen die Meldungen aus der Höhle auf und jeder Ein- und Ausfahrende wird registriert.

Mittlerweile sind alle alarmierten Gruppen unterwegs nach Steinamwasser. Die Gruppenleiter haben beim Einsatzleiter Berg ihre vorgesehenen Ankunftszeiten mitgeteilt: um etwa 10:30 Uhr die Bergwacht-Höhlenrettung Thüringen (HRT), um 11 Uhr die BW-Höhlenrettung Sachsen (HRX), kurz darauf die BW-Höhlenrettung Südbayern (HRS) und bis spätestens um 12 Uhr wollen Malteser Höhlenrettung aus Göppingen (HRG) und Höhlenrettung Baden-Württemberg (HRBW) vor Ort sein.

Um 10:51 Uhr steht die Telefonverbindung zum Unfallort: In den Kreuzspalten sind 2 Personen an einer 5-Meter-Kletterstelle abgestürzt und anscheinend aufeinander gelandet. Die Erstversorger melden, dass es sich bei zu Rettenden um 5 Leuten handelt; männlich 20 Jahre mit Thorax- und Hüftverletzung, stumpfes Bauchtrauma; weiblich 19 Jahre Thoraxverletzung; männlich 40 Jahre ist der Führer der Gruppe und unverletzt. Außerdem werden noch weiblich 40 Jahre und männlich 12 Jahre in der Höhle vermisst, die sich wohl - während der Führer Hilfe holte - auf eigene Faust auf den Weg aus der Höhle machten und sich dabei offensichtlich verliefen.

Just zu diesem Zeitpunkt ist die Höhlenrettung Thüringen eingetroffen. In der Einsatzbesprechung wird festgelegt, dass von dieser Gruppe zunächst noch Material in die Nordhalle transportiert, und dort einen Telefonhörer installieren wird. Anschließend sollen sie die dort abgehenden weiteren Verzweigungen (Spöckerhalle, Weiße Spalten, Riesentropfstein) nach der vermissten Mutter mit Kind absuchen.

Um 11:11 präzisiert der Notarzt seine Diagnose: Männlich 20 Jahre: Verdacht Kreuzbeinbruch, geschl. Trauma rechter Knöchel, Rippenprellung, Hypothermie, Erschöpfung, Kreislauf stabil - Transport mit KED in Bamberger Trage. Weiblich 19 Jahre: Fraktur Nasenbein, Rippenprellung oder -fraktur rechts, Hypothermie, Erschöpfung, Kreislauf stabil.

Vermisstensuche

10 Minuten später trifft mit der Höhlenrettung Sachsen die nächste Rettungsgruppe ein. Zu diesem Zeitpunkt wird nur der Nordteil der Höhle, in dem auch die Unfallstelle liegt, abgesucht. Die HRX bekommt als Aufgabe die Suche im Südteil. Da sich hier größere Wasserbecken in Verbindung mit anstehendem Lehm befindet, ist eine wahre Schlammschlacht zu erwarten.

Kurz darauf wurde die Mutter mit ihrem 12jährigen Sohn von der HRT gefunden. Beide sind wohlauf. Sie sind auf dem Weg heraus falsch abgebogen und hatten sich in der Spöckerhalle verirrt. Trotzdem wird die Suche im Südteil nicht abgebrochen, da immer noch nicht klar ist, ob die Geretteten mit der von der Polizei gesuchten Gruppe identisch sind. Während Mutter und Kind unter Betreuung versorgt und aus der Höhle geführt werden, geht die Suche in den Weißen Spalten weiter. Erst um 12:30 Uhr ist klar, dass sich hier keine weiteren Personen aufhalten.

Eine halbe Stunde vorher sind drei weitere Rettungsgruppen eingetroffen. Die Höhlenrettung Südbayern hat einen weiteren höhlenerfahrenen Notarzt dabei. Dieser wird unverzüglich an den Unfallort in den Kreuzspalten beordert. Dort ist die Versorgung und Lagerung der Verletzten wegen der Enge noch nicht abgeschlossen. Als weitere Aufgabe bekommt die HRS als zahlenmäßig stärkste Gruppe den technischen Einbau einer 5-Meter-Aufseilstrecke in den Kreuzspalten und den Seilbahntransport in der anschließenden engen und stellenweise niedrigen Karfreitagskluft.

Malteser Höhlenrettung und Höhlenrettung Baden-Württemberg werden für den weiteren technischen Transport in der Julius-Rühm-Klamm eingeteilt. Dieser Canyon verengt sich im vorderen Teil nach unten unpassierbar und kann hier nur hoch oben bewältigt werden. Zur Bewältigung der Klamm sind noch zwei Seilbahnen zu installieren.

Transport

Um 13 Uhr ist die Suche der HRX um "Fridasee" und "Wasserspalten" abgeschlossen, es wurden keine weiteren Personen gefunden. Um 14:20 Uhr beginnt der Transport für den 20jährigen männlichen Patienten. Er ist zunächst in die Bamberger Trage gebettet. Während er die Aufseilstelle in den Kreuzspalten und die Seilbahn in der Karfreitagskluft passiert, befindet sich die 19jährige Verletzte bereits auf halbem Weg zum Ausgang. Sie verlässt, unterstützt vom Notarzt der HRN, um 14:40 Uhr aus eigener Kraft die Höhle.

In der Nordhalle wird der tragenpflichtige Patient den Thüringer Höhlenrettern übergeben. Er wird zunächst einmal umgelagert. Da ab hier die Gänge geräumiger sind, kann eine Hartschalentrage mit Erdnussbett (Vakuummatratze) zur Anwendung kommen. Dann wird er durch die Nordhalle und den Theogang bis zum Beginn der Seilbahnstrecke in der Julius-Rühm-Klamm transportiert.

Jetzt sind HRBW und HRG für den Transport verantwortlich. Auch hier klappt alles ohne Verzögerung. Am Ende der Klamm, in der Flembachhalle warten bereits die Sachsen um den letzten Abschnitt, durch Torhalle und Ur-Flembach, zu übernehmen. Hier kann der Patient getragen werden, technische Einbauten sind nicht mehr nötig. Die letzten Stufen der Ausgangstreppe hinauf werden um 16:43 Uhr bewältigt.

Mit dem Patienten aus der Höhle ist die Übung aber noch nicht abgeschlossen. Drei Seilbahnen und eine Aufseilstrecke müssen noch abgebaut werden, das Telefonkabel wird als letztes abgezogen. Schließlich sind um 17:48 Mannschaft und Gerät vollständig aus der Höhle.

Fazit

Die unter realen Bedingungen eingesetzten Heulruftelefone haben sich bewährt. Mit fünf eingesetzten Geräten waren alle Rettungsabschnitte ausreichend versorgt. Erstmalig hat die Kommunikation wie gewünscht funktioniert.
7 Stunden 15 Minuten Rettungszeit können sich für die 160 Meter schwierigen bis sehr schwierigen Rettungsweg durchaus sehen lassen. Dies ist auch der großen Mannschaftsstärke (6 Höhlenrettungsgruppen mit 51 Höhlenrettern, 2 Bergrettern und eine Rettungsassistentin) zu verdanken. Insgesamt waren 58 Personen an der Übung beteiligt.
Ganz besonderer Dank geht natürlich an die Verletztenmimen von der Rot-Kreuz-Bereitschaft Bamberg und dem Verein für Höhlenkunde München. Und an das Team des Gasthauses Götz, das die Invasion der Höhlenretter scheinbar mühelos bewältigt hat und uns mit Essen und Trinken zu jeder Zeit reichlich versorgte. Man kann sich nur wünschen, im Ernstfall solch ein hervorragendes Standquartier zu haben.

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