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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Samstag, 4. April 2015

Geschichtsträchtigstes Jahr seit Bestehen der Bergwacht Freilassing

Bergretter blicken bei Jahreshauptversammlung auf ihre unglaublichen Höhlenrettungen am Untersberg und im Tennengebirge zurück

FREILASSING/MITTERFELDEN (ml) – Was zuvor als unmöglich galt, wurde zum Pfingst-Wunder 2014: Mit den beiden unglaublichen Höhlen-Rettungsaktionen aus dem Riesending im Untersberg und der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge haben die Einsatzkräfte der Freilassinger Bergwacht vergangenes Jahr einen Quantensprung an Erfahrung, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und internationalem Austausch erlebt. Die von ihnen betriebene Höhlenrettungswache der Bergwacht-Region Chiemgau ist von ihrem Schattendasein ins Rampenlicht gerückt und hat weltweite Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren. Bei ihrer Jahreshauptversammlung im Freilassinger BRK-Haus blickten Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch, sein Stellvertreter Thomas Klein, Höhlenrettungschef Peter Hogger, Ausbildungsleiter Thomas Läpple und Kassenwart Niko Magg auf das wohl geschichtsträchtigste Jahr seit Bestehen ihrer Bereitschaft zurück.

90 Jahre Bergwacht
Bereitschaftsleiter Siegi Fritsch spielte zu Beginn den sehr beeindruckenden Original-Notruf des Riesending-Entdeckers Ulrich Meyer vor, der am Pfingstsonntag nach dem Westhauser-Unfall vom Stöhrhaus am Untersberg bei der Leitstelle Traunstein eingegangen war und den größten Einsatz in der Geschichte der organisierten Bergrettung im Alpenraum zur Folge hatte. Nach der Rettungsaktion waren die Freilassinger bundesweit sehr gefragt: Unter anderem waren sie bei der Verleihung des Bayerischen Sportpreises in München und bei der Grubenwehr in Jena zu Besuch und hielten einen Vortrag über den Riesending-Einsatz. Angesichts der beiden großen Höhlenrettungen gingen das 90-jährige Jubiläum und die abgeschlossenen Umbauarbeiten im BRK-Haus und die weitere Fertigstellung der Höhlenrettungswache in Mitterfelden ein wenig unter. Freilassing ist die älteste Bergwacht-Bereitschaft in der Region; am 24. Mai 2014 genau vor 90 Jahren wurde die damalige Bergwacht-Abteilung (heute Region) Chiemgau durch Fritz Jochum im Hotel Krone gegründet; bei der ersten Mitgliederversammlung am 18. Oktober gehörten der Abteilung elf Alpenvereinssektionen und eine Ortsgruppe der Naturfreunde mit insgesamt bereits 104 aktiven Bergwachtmännern an.

Goldenes Ehrenzeichen für Gerhard Hogger und Werner Kleinert
Gerhard Hogger ist seit 40 Jahren aktiver Bergwachtmann und hat seine Erfahrungen als Geologe beim Aufbau der Höhlenrettungswache einfließen lassen. Werner Kleinert ist seit 60 Jahren bei der Bergwacht und einer der wenigen noch lebenden Bergwachtmänner, die die Diensthütte am Seeleinsee im Hagengebirge mit errichtet haben. Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch und sein Stellvertreter Thomas Klein dankten ihnen für die jahrzehntelangen Dienste und überreichten als Anerkennung das goldene Ehrenzeichen der Bergwacht Bayern.

Neues Klo am Seeleinsee
In Eigenleistung und mit Materialspenden von Forst und Bauhof konnten die Freilassinger Bergwachtmänner 2014 unter der Regie von Hüttenwart Thomas Läpple die verfallene Toilette an der Seeleinsee-Hütte abtragen und durch ein robusteres, neues Klohäuschen ersetzen. Da ein geplanter Hubschrauber-Transport nicht möglich war, musste die kleine Hütte in vielen Einzelteilen auf Kraxen durch den Stiergraben hochgetragen und dort zusammengezimmert werden.

Schwierige Bergrettungen und vielfältige Aufgaben
Aktuell besteht die Freilassinger Bergwacht aus 54 Mitgliedern, darunter 20 aktive Einsatzkräfte, zu denen auch zwei Ärzte, vier Rettungsassistenten, acht fertig ausgebildete Höhlenretter, zwei Einsatzleiter, sechs weitere Einsatzleiter in Ausbildung, ein Fachberater Naturschutz und ein Krisenberater (KID) gehören. Sie sind als Höhlenretter der Bergwacht-Region Chiemgau die Spezialisten für die Notlagen unter Tage, meisterten 2014 aber auch einige teils sehr schwierige reguläre Bergrettungseinsätze zusammen mit den Bergwachten Bad Reichenhall und Teisendorf-Anger im Einsatzleitbereich Saalachtal (u. a. Aschauerklamm, Jagersteig Hochstaufen, Weißbachschlucht) und im Skigebiet am Götschen. Zusätzlich waren einzelne Freilassinger Bergretter auch unter der Woche als Skiwacht auf den heimischen Pisten unterwegs oder konnten aufgrund einer weiteren Strukturreform die näher an ihren Arbeits- oder Wohnorten gelegenen Bergwachten Berchtesgaden und Marktschellenberg bei Einsätzen unterstützen, unter anderem im Hagengebirge und in der Watzmann-Ostwand. Zwei Bergwachtmänner wechselten wegen Umzug zu den Bereitschaften Bad Reichenhall und Berchtesgaden.

Neben Sportveranstaltungen wie dem Graziman am Zwiesel sicherte die Freilassinger Bergwacht 2014 bereits im zweiten Jahr Rennveranstaltungen am Jenner und am Götschen ab, um die örtlichen Bergwachten zu entlasten. 2014 wurden auch 193 Naturschutzstreifen durchgeführt. Traditionell kümmert sich die Bergwacht auch um den Sanitätsdienst beim Ringen in Anger, war im Mai bei der Kinder-Sicherheitsolympiade in Saaldorf-Surheim dabei, organisierte ein Kinder-Ferienprogramm mit der Feuerwehr Surheim, übernahm das Catering beim Handwerkermarkt im November und fuhr im Oktober übers Wochenende nach Südtirol.

Acht Anwärter sind sehr gute Alpinisten
Johannes Buckel, Fabian Ehrler, Benedikt Hiebl, Sebastian Klein, Thomas Mayer, Adrian Raible, Jakob Strebl und Michael Stummer sind die aktuell acht Anwärter der Bergwacht Freilassing, die durch die Bank alle sehr gute Alpinisten sind und von den Ausbildern so gut auf die Eignungstests und Prüfungen vorbereitet wurden, dass bisher keiner von ihnen trotz der hohen Durchfallquoten gescheitert ist.

Zeitintensive Aus- und Fortbildung
Vor allem die Aus- und Fortbildung kostet die Ehrenamtlichen enorm viel Zeit, ist aber Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung der oft sehr gefährlichen Einsätze. Die beiden Ausbildungsleiter Thomas Läpple und Rudi Hiebl zogen Bilanz über die 33 im abgelaufenen Jahr durchgeführten örtlichen Ausbildungen, sieben Gelände-Übungen, fünf überregionalen Ausbildungstermine und weitere, zusätzliche Ausbildungsveranstaltungen der Höhlenretter, der Anwärter und für die Weiterqualifizierung der Ausbilder selbst. Themen waren unter anderem Bergrettung (9), Notfallmedizin und Sanitätsdienst (11) und Naturschutz (1), drei Hubschrauberausbildungen, ein Praktikum in der Integrierten Leitstelle, Stressbearbeitung für Einsatzkräfte und Geländeübungen wie Seilbahnbau oder Baumbergung am Teisenberg, Högl und Barmstein, eine Winterübung am Seeleinsee, eine Eisausbildung auf der Rudolfshütte und ein Wiederbelebungstraining in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Läpple dankte abschließend allen Ausbildern, die maßgeblich dafür verantwortlich zeichnen, dass die Bergretter auch schwierige Situationen im Ernstfall souverän als Team meistern und lobte das langjährige außergewöhnliche Engagement von Manfred Huber, der sich mit sehr großem Einsatz und Können um die Anwärter-Ausbildung gekümmert hatte, aber 2014 zur Bergwacht Berchtesgaden gewechselt war.

Treue Förderer sterben weg
Kassenwart Niko Magg hatte 2011 nach 34 Jahren die Aufgaben von seinem Vorgänger Kurt Rexer übernommen und wurde nach Prüfung der beiden Revisoren Gerhard Hogger und Markus Weilacher bei der Jahreshauptversammlung von den Mitgliedern einstimmig entlastet. 2014 standen über 18.900 Euro an Einnahmen rund 22.800 Euro an Ausgaben gegenüber, wobei die größten Posten Ausgaben für die Höhlenrettung und Ersatzbeschaffungen für bei den Rettungsaktionen zerstörtes oder verlorengegangenes Material, Reparaturen am Geländewagen, Versicherungen, Dienstbekleidung, Raum-Instandhaltung und Nebenkosten waren. „Das Mercedes Vito mit Iglhaut-Allrad hat mittlerweile 58.000 Kilometer und ist sehr reparaturanfällig, wird aber ziemlich sicher 2016 durch einen VW-Bus ersetzt werden“, erklärte Magg. Rund 4.000 Euro jährlich machen regelmäßige Beiträge von aktuell 195 Fördermitgliedern aus, die aber immer älter und damit auch mit der Zeit immer weniger werden. Magg appellierte seine Kameraden dazu, im Freundes- und Bekanntenkreis für eine Fördermitgliedschaft zu werben, bei der auch der kostenlose In- und Auslandrückholdienst des Roten Kreuzes in die Heimatklinik enthalten sei. Nach den vielen Ausgaben waren am Jahresende nur noch knapp 1.600 Euro am Konto der Freilassinger Bergwacht verfügbar. Eine große Entlastung waren dann die Spenden für die Höhlenrettung in Höhe von 10.642 Euro, die beim Berchtesgadener Neujahrsempfang gesammelt wurden. Zusätzlich gabs 2.000 Euro von der Bayerischen Versicherungskammer für neue Hochleistungshelmlampen und eine Spende von 15.000 Euro der Berchtesgadener Land Stiftung, die verteilt auf drei Jahre für Bekleidung vorgesehen ist.

Aufräumarbeiten in der größten Höhle Deutschlands
Höhlenrettung ist nicht nur Abenteuer, sondern vor allem viel Arbeit, Vor- und Nachbereitung und intensive Übung: Peter Hogger und sein Team leisten seit Monaten Aufräumarbeiten in der größten Höhle Deutschlands. Allein bei der letzten Großaktion wurden 35 Schleifsäcke mit Material und Müll mühevoll aus den Schächten geborgen und dann ins Tal geflogen. Auch der Container am Höhleneingang wurde von einem Großraumhubschrauber der Bundeswehr als Außenlast zurück zur Wehrtechnischen Dienststelle nach Oberjettenberg transportiert. „Wir haben Anfragen aus mehreren Ländern und versuchen alles zu rekonstruieren. Jeder vermisst irgendetwas; angefangen von Karabiner bis hin zum Notarzt-Rucksack mit Betäubungsmitteln“, berichtet Hogger, der froh ist, dass alle Helfer den Einsatz weitgehend unbeschadet überstanden haben. „Wir hatten Situationen, wo beinahe etwas passiert wäre – als im 180-Meter-Schacht ein Sack mit einer schweren Bohrmaschine nach unten sauste und einschlug, ein Sicherungsgerät einen im Schacht hängenden Kollegen am Helm traf oder ein Höhlenretter unter einem Block eingeklemmt war. Höhlenrettung ist wie das Skifahren – wir wachsen alle mit der Sache und werden durch Übungen und Einsätze immer besser.“

Ein Kernteam mit Höhlenrettungschef Peter Hogger, Guido Fick, Manfred Huber, Thomas Klein und Georg Wimmer kümmerte sich auch 2014 um den weiteren Ausbau der Höhlenrettungswache im neuen Mitterfeldener Feuerwehrhaus, wo unter anderem eine gemütliche als Almhütte bezeichnete Holz-Balkon-Empore mit Stüberl eingebaut wurde. 2014 wurden in der rund acht Meter hohen ehemaligen Supermarkt-Halle noch ein Trainingsparcours und eine Nasszelle eingebaut. „Was vor 2014 noch keiner wissen konnte: Die Wache liegt unerwartet strategisch günstig, in direkter Sichtweite zum Untersberg und zum Tennengebirge, wo die beiden großen Einsätze stattfanden“, freut sich Hogger, den auch ein wenig Sorgen plagen, denn noch immer ist nicht das gesamte Material vom Riesending-Einsatz ersatzbeschafft. „Wie schnell aber wieder etwas passieren kann, zeigte sich bei der Jack-Daniel-Höhle wenige Wochen nach dem Riesending. Wir waren als erster Trupp beim Patienten, hätten aber ohne die Salzburger kein Material zum Abtransport gehabt!“

Viel Lob von den Partner-Organisationen
Die Grußworte der Nachbar-Bereitschaftsleiter Nik Burger aus Bad Reichenhall und Lenz Aschauer aus Teisendorf, der stellvertretenden Landesleiterin der Salzburger Höhlenrettung, Monika Feichtner und von DAV-Chef Peter Mayer waren geprägt von Anerkennung und Lob für die geleistete ehrenamtliche Arbeit, vor allem für die unglaubliche Rettungsaktion im Riesending. Die Höhlenrettungsgruppe Freilassing arbeitet seit ihren ersten Gehversuchen Hand in Hand grenzüberschreitend mit den österreichischen Kollegen zusammen. „Es ist ein gutes und beruhigendes Gefühl, Euch als Partner zu haben“, lobte Feichtner, die selbst seit 30 Jahren bei der Höhlenrettung ist und schon mehrere große Einsätze geleitet hat

Autor: Markus Leitner

Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch und der Leiter der Höhlenrettungsgruppe Peter Hogger; die Geehrten mit der Bereitschaftsleitung; die Höhlenrettungswache ist im Feuerwehrhaus in Ainring/Mitterfelden untergebracht

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