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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.
Montag, 5. Oktober 2015

Notfallmedizin im Steilgelände: Versorgung eines Polytraumas in der Kletterroute

Notärzte und Sanitäter üben beim zweiten Chiemgauer Bergrettungstag in der Felswand und tauschen ihre Erfahrungen aus

BERCHTESGADENER LAND/LANDKREIS TRAUNSTEIN (ml) – Die alpine Notfallmedizin stellt die Einsatzkräfte von Bergwacht und Hubschraubern auch im Sommer immer wieder vor besondere Herausforderungen, die die alpine Umgebung mit ihrem absturzgefährlichen Gelände mit sich bringt. Wie jüngst am 12. September beim Felssturz in der Watzmann-Ostwand erlebt, müssen auch schwerst verletzte Bergsteiger im Steilgelände rasch erreicht, notfallmedizinisch erstversorgt und für den schwierigen Abtransport stabilisiert werden. Unter der Federführung von Organisator Dr. Christian Freund hat das Lehrteam Notfallmedizin der Bergwacht-Region Chiemgau den zweiten Chiemgauer Bergrettungstag in Ruhpolding organisiert, bei dem die Retter Erfahrungen, Tipps und Tricks austauschen und unter realistischen Bedingungen in der Felswand die Versorgung eines lebensgefährlich verletzten Patienten üben konnten.

Das Lehrteam besteht aus medizinischem Fachpersonal wie Ärzten, Sanitätern und Fachkrankenpflegern mit zusätzlicher Bergrettungsausbildung. „Jeder Notarzt und Sanitäter durchläuft zusätzlich eine alpinistische Ausbildung, damit er sich selbst sicher am Berg bewegen und anderen helfen kann“, erklärt Dr. Freund. Das aus besonders erfahrenen Einsatzkräften bestehende Team führt in der Region die Grundausbildung in der Notfallmedizin für alle Anwärter der Bergwacht Bayern durch. Darüber hinaus kümmern sich die Mitglieder um die Aus- und Fortbildungen in den einzelnen Bereitschaften, zeichnen für die medizinische Ausrüstung in den Bergrettungswachen verantwortlich und übernehmen im Einsatzfall meist die führende Rolle in der Patientenversorgung.

Nach dem Motto „wer im Einsatz zusammenarbeitet, soll auch regelmäßig gemeinsam trainieren“ nahmen an der Fortbildung neben den Notfallmedizinern der Bergwacht-Region Chiemgau auch Vertreter der Österreichischen Bergrettung und der Rettungshubschrauber aus Salzburg und Traunstein teil. Damit auch bei größeren Schadenslagen die Zusammenarbeit optimal funktioniert, hatten die Veranstalter zusätzlich die Organisatorischen Leiter (OrgL) des Rettungsdienstes in die Übungen mit eingebunden. „Sie konnten hautnah als Patientenmimen und Retter miterleben, wie schwierig die Arbeit im Absturzgelände ist, wo jeder Helfer und Ausrüstungsgegenstand gesichert werden muss“, berichtet Regionalarzt Ralf Kaukewitsch. 

Dr. Werner Mährlein von der Bergwacht Ramsau, nach einem viertel Jahrhundert einer der wohl erfahrensten Bergwacht-Notärzte der Region, schilderte unter der Überschrift „Was ist möglich und sinnvoll“ lehrreich und packend seine Erfahrungen aus Einsätzen am Watzmann und Hochkalter. Dr. Marco Tusl von der Bergwacht Berchtesgaden berichtete anschließend vom aktuellen Einsatz am 12. September im Schuttkar in der Watzmann-Ostwand, bei dem die beiden schwer Verletzten unter anhaltender Steinschlaggefahr von einer bewusst kleinen Mannschaft sehr rasch versorgt und ausgeflogen wurden. Privatdozent Dr. Karl Heinz Stadelbauer von der Universitätsklinik Innsbruck fesselte die Zuhörer dann mit seinen neuesten Forschungsergebnissen zur medikamentösen Therapie in Extremsituationen, wobei er den Einsatz von Vasopressin und Tranexamsäure als weitere Möglichkeiten bei der Versorgung von lebensgefährlich verletzten Bergsteigern vorstellte. Weitere Informationen zur Vasopressin-Studie findet man im Internet unter www.vitris.at. 

Abschließend stellte der stellvertretende Regionalarzt Dr. Christian Freund noch zusammen mit Fachhändler Walter Walla (Firma MedicalSCG) neue Produkte vor, die zum Teil bereits beschafft wurden oder in der Erprobung für den harten Einsatz am Berg sind. „Die Ausrüstungsgegenstände wurden meist für den militärischen Sanitätsdienst entwickelt, eignen sich aber auch hervorragend für die Bergrettung“; erklärt Dr. Freund. Von der leichten Absaugpumpe über schmerzstillende Lutscher, speziell optimierte Schienen und Kompressen bis hin zu extra kompakten und leichten Überwachungsgeräten konnten die Teilnehmer die Ausrüstung in der Rettungswache testen und ausprobieren. In der anschließenden Diskussion erarbeiteten die Teilnehmer Lösungsansätze für die Probleme, die bei der Versorgung von schwerst Verletzen im extremen Gelände auftreten.

Dank der Unterstützung durch die Bäckerei Schuhbäck konnten alle 30 Teilnehmer nach der Mittagspause gestärkt ins Gelände beim Ruhpoldinger Steinbruch aufbrechen: Bergwacht-Notarzt Sebastian Bähr und seine Ruhpoldinger Bergwachtmänner hatten in den Kletterrouten des Steinbruchs und am Steilufer der Urschlauer Ache Einsatzszenarien nachgestellt, die dann die gemischten Teams aus Notärzten und Sanitätern abarbeiten mussten.

Besondere Anforderungen und Erfahrungen machen erfinderisch und führen zu neuen Lösungen: Ausbildungsleiter Stephan Bauhofer von der Bergwacht Berchtesgaden stellte bei den Übungen die stufenlos variable und redundante Selbstsicherungsschlinge seiner Bereitschaft vor und zeigte sein spezielles Westen- und Bauchtaschen-System, in dem gewichtsreduziert fürs steile Gelände der wichtigste Inhalt eines Notfallrucksacks untergebracht ist. Alles was im Einsatz schon mal herausgefallen und abgestürzt ist, ist in den Taschen zusätzlich mit Schüren gesichert und sofort griffbereit. Das System ist ein gewichtsreduzierter Kompromiss, damit die Retter bei schlechtem Wetter auch ohne Hubschrauber rasch beim Patienten ankommen und sie nicht ein kiloschwerer Rucksack auf halber Strecke total entkräftet in die Knie zwingt.

Die Kliniken Südostbayern AG stellten erneut ihre realitätsnahen Simulations-Puppen zur Verfügung, mit denen die Teams im Gelände unter Anwendung aller notfallmedizinischen Maßnahmen die Versorgung von schwerst Verletzten trainierten. „Wir haben dabei ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit der Einsatzkräfte gelegt, von denen im absturzgefährlichen Gelände neben den medizinischen Fertigkeiten auch ihre Klettertechnik und ihre Trittsicherheit gefordert wurde. Unsere Ausbilder achteten sehr darauf, dass ständig alle gesichert sind und niemand abstürzen kann“, betont Kaukewitsch.

Zum Ausklang der Veranstaltung beim Butznwirt danken die Regionalärzte Ralf Kaukewitsch, Christian Freund und Marco Tusl noch den Sponsoren (Golf Ressort Achental, Firma MedicalSCG, TraunSim der Kliniken Südostbayern AG und Bäckerei Schuhbäck) und kündigten für 2016 bereits den nächsten Termin an, bei dem es mit dem Schwerpunkt „Canyon- und Höhlenrettung“ in die Unterwelt und hinab in wasserführende Schluchten geht.

 

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