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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Donnerstag, 15. Dezember 2011

„Fango Extreme“: Abenteuerliche Rettungsaktion aus der Pfingsthöhle

Wie die Höhlenretter den kleinen Flori mit gebrochenem Fuß aus dem engen Geburtskanal des Müllnerhörndls zurück ans Tageslicht bringen

FREILASSING (ml) – Sie ist vermutlich das dreckigste und stellenweise engste Loch in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen und dennoch zauberhaft schön: Die Pfingsthöhle im Müllnerhörndl steil oberhalb des Saalachsees war im November Schauplatz einer besonders schwierigen Einsatzübung, bei der die Höhlenretter der Bergwacht Freilassing einen Patienten mit der Spezialtrage „Nest“ durch den rutschigen und verwinkelten Horizontalschacht zurück ans Tageslicht bringen mussten. „Der elfjährige Flori, Sohn von Ausbildungsleiter Manfred Huber, hat sich tief im Berg den Fuß gebrochen“, lautete die Annahme und Aufgabe für die insgesamt 14 ehrenamtlichen Einsatzkräfte, die sie getreu ihrem Motto „geht nicht gibt’s nicht!“ mit viel Muskelkraft, Idealismus und Einfallsreichtum meisterten. Ein schonungsloser, viereinhalbstündiger Einsatz für Mensch und Material in einer doch sehr rauen und lebensfeindlichen Umgebung. Durchhaltevermögen und starke Nerven waren gefragt.19 große Babys kämpfen sich durch den Geburtskanal des Müllnerhörndls
Extrem enge, gewundene Gangstrecken im Wechsel mit absturzgefährlichen Spalten und überall von dickem, glitschigen Lehm überzogener Fels machten die 120 Meter Rettungsstrecke zu einem schweißtreibenden und abenteuerlichen Unterfangen, bei dem vor allem die Technikfreaks mit gleich drei Sicherungseinbauten voll gefordert waren. Mit dabei waren auch Solveig, Andrea und Ulli aus München, die erste Eindrücke für eine Video-Reportage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks und von Arte sammeln wollten.
Wieder so eine Höhlengeschichte? Nein, denn jeder Schacht im Berg ist auf seine Weise einzigartig. „So wie hier stell ich mir eine Fahrt durch den weiblichen Geburtskanal vor“, meint Jakob von der Bergwacht Berchtesgaden plötzlich scherzhaft, als wir uns mit völlig lehmverdreckten Schlazen rückwärts auf allen Vieren wälzend gleich einer Spinne durch einen flachen Spalt zwängen. Wie treffend! Recht hat er – aber was wohl das Müllnerhörndl dazu sagen würde? Der Berg schweigt; das Wasser hat seinen Kalkstein über Jahrtausende hinweg auf dem Weg ins Tal Richtung Saalach wie einen Schweizer Käse durchlöchert. Wenn die über uns wirklich bald ein Pumpspeicherkraftwerk bauen, dann versickert alles in diesem überdimensionalen Schwamm und der Beton rinnt von der Decke. Schade um die schöne Höhle.
„Fango Extreme“: Die besonders schlammige Tour für Outdoor-Touristen
Es ist ein lauer Samstagvormittag im Spätherbst und wir schleppen mehrere hundert Kilo Material vom neuen Höhlenretter-Anhänger weg über das steile, ausgetrocknete Bachbett zum 200 Meter höher gelegenen Eingang hinauf. Zwischen den bunt gefärbten Bäumen ist ein langes Seil gespannt, das wir als große Wäscheleine missbrauchen. Raus aus den verschwitzten Klamotten, rein in die Höhlenoveralls: Warmer Unterschlaz, robuster Oberschlaz, Spezialgurt, Karabiner, Abseilgerät, Steigklemmen, Knieschoner, Handschuhe, Bohrmaschine, Seile, Helm und Stirnlampe. Fürs Höhlengehen braucht man ganz schön viel Zeugs und das ist besonders schwer und robust, da es in der Höhle durch scharfe Kanten und den feuchten und feinen Sand stärker beansprucht wird und deshalb auch mehr aushalten muss. „Es ist durchaus möglich, dass wir hier mal jemanden rausholen müssen. Die Adventhöhle und die Pfingsthöhle gehören zum selben System und sind eines der wenigen Objekte im Landkreis, die auch touristisch genutzt werden“, erklärt mir der Tierarzt Dr. Hubert Glässner, der seit Jahrzehnten in Höhlen unterwegs ist und die Freilassinger Rettungsgruppe mit aufgebaut hat. Ihre beiden Eingänge liegen nah beieinander: Unter dem Namen „Fango Extreme“, was so viel bedeutet wie „besonders schlammig“, führt ein heimischer Outdoor-Anbieter regelmäßig Höhlenbegeisterte ins Müllnerhörndl hinein. Im Look der Indiana-Jones-Filme ziehen sich dicke Taustrecken mit Halteknoten durch die engen Gänge.

Gummi-Fledermäuse für alle
Über eine kurze Klettersteig-Passage geht’s hinauf zum Eingang. „Alle die hier reinkraxeln bringen wir auch heil wieder raus!“ Höhlenrettungschef Peter Hogger kniet an der Schleuse, registriert nacheinander die 19 Teilnehmer auf einer Liste und verteilt Haribo-Fledermäuse, sozusagen die Symbol- und Schutztiere der Höhlenforscher und -retter. Normalerweise gibt’s die erst ganz tief unten im Schacht; heute macht er für uns eine Ausnahme. Peter ist ein Netzwerker; er weiß wie er die Leute zusammenbringt und motivieren kann. Mit dabei sind zum wiederholten Mal auch Andrea von den Salzburger Höhlenrettern sowie Thomas und Jakob von der Bergwacht Berchtesgaden, die sich ebenfalls mit dem Höhlenvirus infiziert haben und begeistert mit in dunkle Löcher steigen. Manfred Huber und sein Sohn Florian gehen voraus. Der Elfjährige darf heute den Patienten mimen und strahlt über beide Ohren. Andrea folgt ihnen im dichten Schritt. Sie ist wie bei vielen Übungen zuvor die Telefondame und verlegt ein langes Kabel vom Eingang bis zur 150 Meter tief im Berg gelegenen Einsatzstelle, damit der Rettungstrupp später auch jenseits der Sicht- und Rufweite mit der Außenwelt kommunizieren kann. Zusätzlich gibt’s eine mobile Zwischenstation und Funkgeräte, die trotz der dichten Felswände auf kurze Strecken gut funktionieren.

Eineinhalb Meter tief abgerutscht
Durch die verwinkelten, feuchten Gänge kriechend, krabbelnd und kletternd erreichen wir etwa 20 Minuten später unser Ziel. Auf dem Weg verlieren sich die einzelnen Gruppen aus den Augen. Bei ausgeschalteter Stirnlampe ist es stockdunkel und man hört nur noch dumpf hallende Geräusche aus der Ferne. Die bizarren Felsstrukturen rundherum versetzen uns in eine zauberhafte, fremde Welt: In so einer Höhle spielen Grimm´sche Märchen, hier wohnen uralte Zwerge und der böse Wolf! Ich zweige versehentlich nach oben ab und kraxle ein Stück am rutschigen Fels unter der Decke entlang, als ich plötzlich eineinhalb Meter tief hinabgleite und mich gerade noch mit einem Grätschschritt fangen kann. Glück gehabt, nichts passiert! „Ich bin abgestürzt!“ „Ich weiß; das ist normal hier drinnen und gehört dazu!“, antwortet Hubert gelassen, der um die Ecke mit Thomas per Hilti-Bohrmaschine den ersten Haken für eine Sicherung setzt. Der Lehm an den Wänden ist teilweise so dick, dass die Schrauben nur an der Höhlendecke halten. Es ist feucht, es ist kalt und wer sich nicht bewegt kühlt rasch aus. Deshalb packen wir Flori in einem Musuc-Bag ein – ein spezieller arm- und beinfreier Schlafsack als Wärmeschutz, der sich gut mit dem Gurtsystem der Nest-Spezialtrage fixieren lässt. Wie die samt Patient jemals wieder aus der Höhle rauskommen soll, ist mir und den anderen Gästen ein großes Rätsel, zumal wir selbst oft nur mit eingezogenen Schultern durch die Engstellen gepasst haben – in der Gefahr, mit den Sicherungsgeräten steckenzubleiben. „Geht nicht gibt’s nicht!“, meint Peters Bruder Gerhard gelassen, der sich als hauptberuflicher Geologe mitten im Berg richtig wohl fühlt.

Eifrige Ameisen: Millimeterarbeit durch enge Felslöcher hindurch
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Und schon geht’s los: Alle packen mit an, ziehen, drücken, schieben und stemmen von oben, unten, vorne und hinten – und tatsächlich, ein kleines Wunder unter Tropfsteinen geschieht: Meter für Meter rutscht das Nest durch die engen Spalten und Löcher in Richtung Ausgang. Jeder Schritt, jeder Griff ist wohl bedacht, denn der lehmige Fels ist glatt wie matschiger Schnee.  Als die Trage trotz aller Schwierigkeiten scheinbar so zauberhaft leicht am Führungsseil entlang wie eine große Schmetterlingspuppe durch die Höhle gleitet, denke ich einen Moment lang an emsige Ameisen, die mit ihren großen Greifzangen Sagenhaftes leisten und gemeinsam eine Vielfaches ihres Körpergewichts durch die Gänge ihres Baus bewegen. Ein schonungsloser Einsatz für Retter und Ausrüstung beginnt, aber anders geht es nicht: Innerhalb weniger Minuten ist alles vom braunen Lehm verdreckt. Manfred hält die ganze Zeit über engen Kontakt zu seinem Sohnemann, der die Übung scheinbar gelassen und in vollem Vertrauen auf das Können der Rettungskräfte hinnimmt.  Nur als Sand von der Decke in sein Gesicht rieselt, wünscht er sich eine Skibrille. „Im Ernstfall ist die psychische Betreuung des Patienten auf der gesamten Rettungsstrecke besonders wichtig, da der Abtransport je nach Schwierigkeit und Entfernung viele Stunden bis Tage dauern kann und schnell zur nervlichen Ausnahmesituation eskaliert“, erklärt mir Peter, der seit über vier Jahren mit seiner Gruppe bei regelmäßigen Touren die vielen Höhlen im Einsatzgebiet erkundet, um für den Ernstfall die notwendigen Ortskenntnisse zu gewinnen.

Schlammiger Schützengraben im Dauerregen
Wieder fit nach einer kurzen Verschnaufpause mit Semmeln, Süßigkeiten und Getränken gehts weiter aus der ewigen Finsternis in Richtung Sonnenlicht. Patient Flori in seiner Trage musste kurzerhand als Brotzeittisch herhalten, wurde aber ebenfalls reichlich mit verköstigt.  Das kalte Tropfwasser steht knöchelhoch im Gang und die Szene erinnert an einen schlammigen Schützengraben im Dauerregen. Dort wo es gefährlich nach unten oder in enge Spalten geht, muss die Trage entsprechend mit Zugseilen, Schlingen und Umlenkrollen gesichert werden.  Drei Techniktrupps haben bereits im Vorfeld mit Bohrmaschinen die notwendigen Haken gesetzt und helfen an den schwierigen Stellen mit vollem Krafteinsatz mit. „Schon wieder am depperten Telefonkabel verheddert!“ Als es erneut besonders eng hergeht bleibt ein paarmal die Trage im Gang stecken, dann wieder einer der Retter, doch trotzdem reagieren alle gelassen und lösen die Probleme meisterhaft. „Nach mehreren gemeinsamen Übungen ist unser bunt gemischtes und internationales Team bestens aufeinander eingespielt. Jeder bringt sich mit seinen Stärken ein und weiß wo er hinlangen muss“, freut sich Peter. Strahlende Gesichter blicken schließlich in die weißmatte Herbstsonne, die tief stehend bei angenehmen 20 Grad zwischen den bunten Blättern durchblinzelt. Es ist geschafft! Trotz aller Schinderei hat die Arbeit in der Dunkelheit Spaß gemacht und der Erfolg spricht für das ganze Team.

Höhlenretter brauchen eine große Waschmaschine
Nach drei Stunden Tragentransport am  Ausgang angekommen kann man nur noch erahnen, dass die robusten Goretex-Schlaze einmal blaurot- oder gelb waren. Alle sind von Kopf bis Fuß eingelehmt und so braun wie die Höhle selbst. Stundenlange Reinigungsarbeiten stehen bevor, aber auch das gehört dazu, und Höhlenretter haben aus Erfahrung eine große Waschmaschine im Keller stehn. Im Angesicht der hohen Berge an verdreckter Ausrüstung und Kleidung zieht Andrea die Augenbrauen hoch und meint: „Warum macht man so etwas immer wieder freiwillig? Weil es einfach nur geil ist!“ Am nächsten Montag steht schon die Finkenmühlhöhle am Schlenken auf dem Programm. „Tief beeindruckt von Eurer Arbeit können wir bleibende Erinnerungen mitnehmen. Das waren zwar die schwierigsten 150 Meter meines Lebens, aber es hat großen Spaß mit Euch gemacht!“, lobt Solveig vom Produktionsteam, als wir nach einer Stolperpartie durch das Bachbett wieder mit dem ganzen Material am Saalachsee-Ufer stehn. Erstmals zum Einsatz kam auch der neue Höhlenrettungs-Anhänger, der im Ainringer Feuerwehrhaus stehen soll und in dem künftig das gesamte Einsatzmaterial permanent abmarschbereit gelagert wird. Die Ausrückzeit soll sich dadurch erheblich herabsetzen. Derzeit fehlt noch der Innenausbau. „Die Bergwacht Bayern und der Freistaat haben hier richtig in uns investiert. Wir bekommen endlich die Ausrüstung, die wir brauchen. Das motiviert uns und wertet unsere Arbeit unglaublich auf!“, freut sich Truppführer Peter, der mit der Leistung seines Teams mehr als zufrieden ist: „Euer Engagement ist für manch Außenstehenden vielleicht oft nicht nachvollziehbar, aber allen Widrigkeiten zum Trotz hat unsere voll motivierte Mannschaft heute in einer lebensfeindlichen Umgebung sämtliche Hürden genommen und Großartiges geleistet!“ Die Berchtesgadener Alpen zeichnen sich als Kalkgebirge mit leicht wasserlöslichem Gestein durch einen außergewöhnlichen Höhlenreichtum aus. Aktuell gehören 13 Bergwachtmänner und -frauen sowie einige Unterstützungskräfte zur Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region-Chiemgau, darunter mehrere Rettungsassistenten und ein Notarzt.

Jede Menge Bilder von Markus Leitner auf der Homepage BRK Berchtesgadener Land

Autor: Markus Leitner

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