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Samstag, 13. Mai 2017

Als die Retter vom Himmel fielen - Aus der Rottacher Bergwachtchronik (IV)

Wolfgang Schneider und Heinz Sossna gehörten vor 50 Jahren zu den ersten Fallschirmspringern des bayerischen Luftrettungsdienstes. Ein Himmelfahrtskommando zur damaligen Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Erinnerungen an ein großes Abenteuer mit unerwartetem Ausgang.

Es war ein sonniger Spätsommertag im Stubaier Gletschergebiet im September 1962,als Wolfgang Schneider, Heinz Sossna und ein Freund zufällig Zeugen eines schrecklichen Unfall wurden: In ihrer Nähe rutschte ein Wanderer ab, stürzte weit in die Tiefe und blieb schwerverletzt liegen. Die jungen Bergwachtler stiegen sofort zu ihm ab, versorgten ihn notdürftig. Herbeieilende Tourengeher schickten sie zur nahgelegenen Dresdner Hütte, um Hilfe zu holen. Die Stunden verstrichen. Plötzlich tauchte ein kleines Sportflugzeug über den Gipfeln auf und landete spektakulär auf dem steilen Gletscher. Der Pilot wies sie an, die Maschine mit bloßen Händen zu drehen und gegen ein Abrutschen zu sichern. Den Verletzten banden sie außen an das Kleinflugzeug, dann mussten sie die Maschine wieder drehen und in Startposition bringen. Ein letzter Schreckmoment, als das Flugzeug mit den Kufen an einer Gletscherspalte hängenblieb, dann war die tollkühne Bergung geglückt.

Eine Rettung aus der Luft – das hatte es den beiden Jungspunden von da an angetan. Und wie es der Zufall wollte: Kurz darauf suchte das Bergwachtpräsidium München Interessenten für den neu gegründeten Luftrettungsdienst (LRD) des BRK. Die Retter sollten auf dem Luftweg zu extremen Unfällen gebracht werden,um dort Erste Hilfe leisten zu können, wo zu Fuß kein Durchkommen war. Allerdings – und das ist der Unterschied zur heute üblichen Praxis – wollte man die Retter in den 1960er Jahren nicht aus einem Hubschrauber abseilen, sondern sie sollten per Fallschirm zu den Verunglückten abspringen. Schneider und Sossna, damals 23 und 25, meldeten sich sofort freiwillig, zusammen mit Sigi Hollmann und Jakob Gloggner aus ihrer Rottacher Bereitschaft. Sportlich und bergaffin waren die Vier allemal, und das damals noch junge Fallschirmspringen versprach eine spannende, neue Herausforderung zu werden.

In der Luftlandeschule der Bundeswehr in Altenstadt bei Schongau begann das Abenteuer für das Quartett aus dem Tal und elf weitere mutige Bergwachtler aus dem Münchner Umkreis. Nach einer intensiven Erste-Hilfe-Ausbildung absolvierten sie dort im Oktober 1963 einen einwöchigen Crash-Kurs, übten das Packen der Fallschirme sowie Absprung und Landung von Sprungtürmen und Pendeln aus. Dann war es endlich soweit: Der erste Sprung aus einem Hubschrauber,eine Sikorsky der Bundeswehr. »Die Aufregung war groß, jeder wollte der Erste sein, der springt«, erinnert sich Schneider. Doch der anfänglichen Begeisterung folgte schnell Ernüchterung: Von den ersten sieben Springern wurden gleich drei ins Krankenhaus eingeliefert. »Aber richtig angefangen nachzudenken, haben wir erst nach dem dritten Sprung«, fügt der Rottacher Sossna hinzu. Zuvor, erklärt er, konzentriere man sich als Anfänger noch auf fundamentalere Dinge: zum Beispiel, ob man den Schirm richtig gepackt habe, sodass dieser auch aufgehe.

»Ausgestattet waren wir wie Soldaten«, sagt Sossna, »von den Helmen bis zu den Springerstiefeln.« Auch die zur Verfügung gestellten T10-Schirme stammten aus dem Bundeswehr-Fundus. Diese entpuppten sich jedoch als besondere Herausforderung: Mit ihrer zeitgenössischen Technik waren diese Fallschirme kaum zu steuern. »Eigentlich sind wir runtergefallen wie Steine«, gibt Wolfgang Schneider zu. Auf genau 400 Meter Höhe stieg die Sykorsky auf. Die ersten 80 Meter nach dem Absprung legten die Springer durch den Druck der Rotorblätter im freien Fall zurück, bis sich der automatische Schirm öffnete. So blieben nur noch 320 Höhenmeter übrig, um das anvisierte Ziel zu erreichen. Doch ohne technische Unterstützung, nur mit der vom Piloten genannte Flughöhe und Geschwindigkeit, sei es beinahe unmöglich gewesen, im markierten Zielbereich – sprich im Ernstfall beim Verletzten – zu landen.

Zur Unterstützung der Fallschirm-Retter kaufte das BRK eine kleine Piper, jenen Typ Sportflugzeug, dessen Bekanntschaft Sossna und Schneider schon im Jahr zuvor bei ihrem denkwürdigen Einsatz am Stubaier Gletscher gemacht hatten. Die Maschine war allerdings so klein, dass die Fallschirm-Retter während des Fluges die Beine ins Freie baumeln ließen – und sich dann in der Nähe der Zielperson einfach hinausfallen ließen. Nichts für schwache Nerven. Doch die Bergwachtler sammelten fleißig Flugpraxis in Vorbereitung für ihren ersten Einsatz. Sie bekamen neuere Dreiecksschirme,doch jeder Trainingssprung war weiterhin ein anstrengender Kampf gegen Wind und Technik.

Kurz darauf versammelt sich die Gruppe in Dachau zu einem weiteren Übungssprung. »Der Wind blies stark, es war ein richtiger Sturm«, erzählt Sossna. Eigentlich will er gar nicht springen, das Wetter scheint unberechenbar. »Doch ich sagte: Wir sind Retter! Im Ernstfall müssen wir auch bei diesem Wind raus und den Leuten helfen«, erinnert sich Schneider. Er will unbedingt springen. Dann passiert es: Sofort nach dem Absprung verliert er die Kontrolle über seinen Schirm, der Wind reißt ihn mit sich. Für die Kameraden am Boden ein schrecklicher Anblick: Wolfgang Schneider,mit den besten Absichten gestartet, nun von der Natur entrissen. Doch der Rottacher hat Glück: Er landet unsanft in einem Baum in einem weit entfernten Wald. Verletzt hat er sich nicht, doch die Stimmung in der Mannschaft kippt: »Was bringt es noch, Retter sein zu wollen, wenn man dann selbst gerettet werden muss?« Als unmittelbar danach in den Tiroler Bergen eine Maschine im Schneesturm abstürzt – »haben wir gebetet, hoffentlich nicht eingesetzt zu werden«, gibt Sossna zu. Auch die Verantwortlichen mussten erkennen: Die Bergrettung mit Fallschirmen ist nicht praktikabel. Die Berge lassen sich so nicht bezwingen, gegen Naturgewalten wie den Wind haben Springer keine Chance. Nach knapp 20 Übungssprüngen wurde der LRD eingestellt, ohne je zum Einsatz gekommen zu sein. Traurig seien sie nicht gewesen, sagen die Rottacher, aus sportlicher und medizinischer Sicht hätten sie sehr viel fürs Leben gelernt. Seit ihrem letzten Übungssprung sind beide nie wieder mit dem Fallschirm gestartet. In ihrer jahrzehntelangen Arbeit als Bergwachtler hätten sie einfach zu viele Unfälle mit Gleitschirmfliegern sehen müssen, sagen sie. Der Berg bleibt unberechenbar – und hat die einst so übermütigen Burschen Demut gelehrt.

Schon 1968 waren Sossna und Schneider wieder bei einer Luftrettung dabei, diesmal bei der Bergrettungsübung der Bundeswehr mit einer Bell UH-1D in Rottach-Egern. Die Technik war nun so weit ausgereift,dass der Einsatz von Hubschraubern mit Seilwinde sinnvoll möglich war. Er hat seitdem vielen Verunglückten das Leben gerettet.

Autor: Sophie Stadler, Tegernseer Tal Heft 165

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