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Die Bergwacht Bayern ist Gründungsmitglied der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen.

Nachrichten

Dienstag, 15. November 2016

Aus der Rottacher Bergwacht-Chronik (III)

Ein SOS aus dem Latschenstrauch

Was in jenen Novembertagen des Jahres 1962 auf einem Felsgrat über der Wolfschlucht geschah, war so tragisch und so mysteriös, dass es wohl keiner der am Einsatz beteiligten Bergwachtmänner je vergessen kann. Der folgende Bericht stammt von einem der Helfer, die tagelang in den Kreuther Blaubergen – bis hinüber zum Guffert – nach einem vermissten Bergsteigerpaar aus München gesucht hatten.

Ein Zeitungsausschnitt aus der »Tegernseer Zeitung« hat das Datum festgehalten, man vergisst Jahreszahlen ja irgendwann, die Bilder aber von diesem Geschehen selbst, die bleiben auch nach mehr als einem halben Jahrhundert im Kopf: Die Erinnerung an den Föhntag Ende Oktober 1962, der so unvermittelt in einen Wintereinbruch umschlug, das eingeschneite Auto unten im Weißachtal, der seltsame Weg der Vermisstenmeldung und dann die Suche in den Steilhängen, Schneerinnen und Felsschrunden der Blauberge, deren Anblick an schönen Tagen so trügt: Was sich da, aus dem Tal gesehen, als pittoreske Bergflanke zeigt, ist in Wirklichkeit ein tief zerklüftetes, von Karen und Sturzbächen durchzogenes und in sich gestaffeltes Bergmassiv. Und das wurde uns während dieser Suchaktion wieder bewusst: Die Blauberge, das ist ein teuflisches Gamsrevier – mit dem perfiden Einstieg einer Fischreuse, und da kann es dann schon mal passieren: Einmal drin und du kommst nicht mehr raus und runter...

Bei den beiden Vermissten handelt es sich um Heinz H. und Hildegard V., Bergsteigerfreunde aus München (Familiennamen sind bekannt), beide um die Dreißig, vielleicht (oder sehr wahrscheinlich) waren sie ein Liebespaar. Sie haben alpine Erfahrung, eines ihrer letzten gemeinsamen Unternehmen hatte sie mit dem Deutschen Alpenverein in die Berge Anatoliens geführt.

Heinz H. und Hildegard V. verlassen am letzten Wochenende des Oktobers 1962, also Samstag, 27. oder Sonntag 28. Oktober, ihre Angehörigen in München – um nie wieder zurückzukehren. Eine Vermisstenanzeige geht erst am Dienstagvormittag um 11 Uhr bei der Grenzpolizei in Kreuth ein. »Wir haben uns eigentlich nie Sorgen gemacht«, sagt einer der Verwandten, »der Heinz ist schon öfter mal ausgeblieben, aber jetzt dauert’s schon ein bisschen lange.« Angaben zum Tourenziel der beiden kann er nicht machen: »Irgendwo in den Kreuther Bergen...«, das war ein Suchareal zwischen Weißachtal und Guffert, mit der Gufferthütte als mutmaßlichem Ziel oder Zwischenstation – aber dort sind sie nie eingetroffen, wie sich sehr schnell ergab.

Es war ein einladendes Föhn-Wochenende, aber dann mit Wettersturz und Wintereinbruch, die Berge sind auf einmal bis ins Tal hinunter verschneit. Als ein erster Suchtrupp unserer Bereitschaft am Dienstag nach Alarmierung durch die Grenzpolizei aufbricht, stößt er irgendwo im Parkplatzbereich um Wildbad Kreuth auf das Auto der beiden, das war bis zuletzt eigentlich der einzige Anhaltspunkt für eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der BW-Bereitschaft. Ein Auto, von hier müssen sie zumindest aufgebrochen sein, Richtung Guffert, eigentlich ein Wahnsinnsvorhaben in diesen kurzen, schwindenden Tagen; es sei denn, sie hätten eine Übernachtung auf der Gufferthütte eingeplant.

Während der folgenden Tage, die Aktion begann ja erst am Dienstag, konnten wir das Suchgebiet eingrenzen, es gab verschiedene Hinweise von Bergsteigern, die die Vermissten zumindest im Umfeld der Gufferthütte gesehen haben müssten, alles negativ. Also konzentrierten wir uns auf den Raum zwischen Wildbad Kreuth und der Wolfschlucht bis hinauf zur Schildensteinalm an der Grenze zu Tirol. Es war schon wegen der Schneelage ein gefährliches und nahezu aussichtsloses Unterfangen. Und so erinnere ich mich noch an ein – in der Rückschau – geradezu bizarres Detail: Über eines der Funkgeräte kam, bei miserablem Empfang aus irgendeiner Schlucht, die Meldung »Wir haben ein Guatlpapier gefunden!« »Ein... was?« »A Guatlpapier, verstanden?« Man muss sich das einmal vor Augen halten: Inmitten der Schneewüste auf einem Stein in einem Bachbett ein metallisch glänzendes Bonbon-Papier – der einzige Hoffungsschimmer bis zum Sonntag, als wir dann die beiden Toten fanden.

Die Bergwachtler hatten, und das sei heute – nach mehr als fünfzig Jahren und angesichts der technischen Fortschritte im alpinen Rettungswesen – in Respekt vor dem damaligen Kameradenkreis gesagt, bis zur Erschöpfung gesucht, in Nebel und Schneetreiben, die klobigen Funkgeräte jener Zeit mit gefühltem Zentnergewicht auf dem Rücken, vom Bereitschaftsleiter Martin Lindner, unserem Martl, in aller Umsicht geführt. Und wenn ich mich recht erinnere, kreiste auch unser Kiening Franz bei miserablem Flugwetter mit einer einmotorigen Maschine des Warngauer Fliegerclubs mehrmals über dem Suchareal.

In der Nacht zum Samstag, also fast eine Woche nach dem Verschwinden des Bergsteigerpaares, klart es auf, die Suchtrupps brechen erneut auf, einige davon wieder über den Steig durch die Wolfschlucht, diesmal bei guter Sicht – und dann, gegen 12.50 Uhr, über eine Seitenschlucht hinweg der Ruf: »Wir haben sie gefunden!« Etwa dreihundert Meter Luftlinie vom Steig entfernt, ist im Fernglas auf einer kleinen Felsenkanzel ein Handtuch zu erkennen, es ist an einen Latschenstrauch geknotet! Ein Handtuch, das letzte SOS von Heinz H. und Hildegard V.. Und wir waren tagelang daran vorbei gelaufen, wir hatten ja auch keine Hilferufe vernommen – und damit beginnt das Rätseln um den Tod der beiden Bergsteiger.

Den Kameraden, die als erste am Latschenstrauch mit dem Handtuch eintrafen, bot sich dieses Bild, das auch auf den Hergang der Tragödie schließen lässt: Heinz H. war vor seiner Freundin gestorben, sie hatte ihm, so erzählten es die Kameraden nach ihrem ersten Augenschein, die Hände gefaltet und zusammengebunden und ein kleines Kreuz aus Latschenästlein zwischen die gefalteten Hände gesteckt.

Hildegard V. muss ihn um Tage überlebt haben, sie führte jedenfalls Tagebuch, zunächst mit klaren Sinnen, dann zeigte sich aber, dass sie allmählich die zeitliche Orientierung verlor, sie mag eingenickt sein, wieder hochgeschreckt, ist jetzt Mittwoch? Oder Freitag? Ist die Nacht schon vorbei...? Sie trug in das Büchlein noch ihr Testament ein, aus der Schrift ließ sich ablesen, wie ihre Kräfte und ihre Handschrift nachließen, die Eintragungen enden in Großbuchstaben, dann stirbt sie unter dem Latschenstrauch mit ihrer SOS-Fahne.

Und das Rätsel, das wohl immer bleiben wird: Die beiden hatten, vom Wildbad kommend, vor der Wolfschlucht den Einstieg verfehlt, also den Steig, der sich auf Felsrücken und teilweise mit Stahlseilsicherung zur damaligen Schildensteinalm am Blauberggrat emporwindet. Die Topographie des Geländes gaukelt Ortsfremden nämlich einen Weg vor, den es gar nicht gibt, daher der tödliche Irrtum: Es ist ein relativ breites »Trockenbachbett«, fast wie ein Forstweg, der von der eigentlichen Einstiegstelle nach Westen führt. Diesem Weg müssen Heinz H. und Hildegard V. gefolgt sein, um dann nach einigen hundert Metern auf der Suche nach der Schildensteinalm in die Blauberg-Nordflanke einzusteigen. Sie schafften etwa zwei Drittel der Höhendifferenz bis zum Blauberggrat und blieben dann auf diesem Felsvorsprung sitzen, Tag und Nacht, wenn wir die Indizien der Fundstätte richtig deuten. Sie befanden sich dort wie auf einer Aussichtskanzel – wenn die Nebelschleier aufrissen oder das Schneetreiben aussetzte, konnten sie, quasi zu ihren Füßen, hinunter in das Weißachtal und auf die Bundesstraße blicken; sie befanden sich ja überdies – je nach Witterung – in vorübergehender Sichtweite zum tatsächlichen Wolfschlucht-Steig und vor allem in Rufweite, auch zu den Suchtrupps, die seit Dienstag ständig das Areal durchstreiften. Sie hätten auch, ihr Ende vor Augen und nichts mehr zu verlieren, den Abstieg durch das Steilgelände, das sie beim Aufstieg ja bereits passiert hatten, riskieren können... Und so bleibt, in allem Respekt, nur die Vermutung: Zwei Menschen, die sich liebten, haben dort oben den Tod gesucht.

Klaus Furtner (Name geändert, d. Red.)

P.S. Nach dieser Tragödie setzte eine nachhaltige Diskussion über Wegmarkierungen in gefährlichem Gelände ein, auch über das eigentlich selbstverständliche Gebot für Bergsteiger: den Angehörigen genaue Angaben über Weg, Ziel und Dauer der geplanten Tour zu hinterlassen und diese Angaben auch einzuhalten. Das Geschehen in den Blaubergen zeigte, wären für die Suchtrupps nicht Tage in Unwissenheit verstrichen, hätten alle vielleicht noch eine Chance gehabt..

Und noch etwas gab uns im Nachhinein zu denken: Als an diesem Samstag am Steig durch die Wolfschlucht das Stahlseilgerät zur Bergung der beiden Toten verankert wurde, kamen ein junger Mann und ein Mädchen vorbei und fragten unbekümmert: «Wie lange brauchen wir noch auf die Halserspitze? »Kehren Sie um«, sagte ein Bergwachtler, »bis Sie auf dem Gipfel stehen, ist es Nacht. Und Sie wissen ja, weswegen wir hier sind.« Darauf das Mädchen: »Und wenn schon. Wir haben doch einen Biwaksack dabei.« Dann gingen sie weiter. Und dann steht man als Bergretter daneben, geradezu hilflos, und weiß: Wenn dieses junge Paar mit seinem Biwaksack durch einen halben Meter Neuschnee in das Tal zurückkehrt, dann war das ein glücklicher Zufall. Mehr nicht.

Quelle: Tegernseer Tal Heft

 

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